
«Ich bin der Chef. Was ich mache, ist kompliziert. Ein komplizierter Auftrag. Peace.» Aloniab sitzt im Rollstuhl und ist zum vierten Mal in der Kifa-Ferienwoche. Auf seinem Schoss liegen ein blaues Notizpapier und bunte Aufkleber. Vermutlich ein Teil seiner geheimen, komplizierten Mission. Am Rollstuhl prangt ein knallgelbes amerikanisches Auto. Ein schnelles. «Peace», sagt er. Und ich fühle mich ziemlich schnell willkommen.
Ich bin heute zum ersten Mal als Botschafterin der Stiftung Kifa Schweiz hier. Elf Kinder verbringen diese Woche gemeinsam in Walchwil – begleitet von ihren vertrauten Kifa-Pflegefachpersonen. Es sind Bezugspersonen. Es ist eine Woche Ferien. Eine Woche voller Erlebnisse, Lachen, Begegnungen. Und eine Woche, in der auch ihre Eltern einmal durchatmen können.
Denn Ferien – das klingt zunächst nach Ausschlafen, Koffer packen, Glacé essen und irgendwann nicht mehr wissen, welcher Wochentag ist. Für Familien mit schwer pflegebedürftigen Kindern können Ferien aber etwas ganz anderes bedeuten: Organisation, Pflege, Medikamente, Hilfsmittel, Betreuung. Spontane Ausflüge? Ein Restaurantbesuch? Einfach einmal etwas unternehmen? Schnell auf die Rigi? Nicht immer so einfach. Genau hier setzt die Kifa an. Sie pflegt und begleitet seit 1991 Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und chronischen Krankheiten – und schafft mit ihren Entlastungsangeboten ganz konkret Luft im Familienalltag. Die Ferienwoche gibt es seit 2006. Sie wird vollständig durch Spenden ermöglicht.
Allen gerecht werden
«Die grösste Herausforderung ist, allen gerecht zu werden.» Meike van Beem trägt gemeinsam mit Anita Rigoni die Hauptverantwortung für diese Ferienwoche. Was ist die schwierigste Aufgabe, frage ich sie. Ihre Antwort kommt ohne zu zögern: «den Kindern und ihren besonderen Bedürfnissen gerecht zu werden. Den Eltern, die ihr Kind für diese Woche in unsere Hände geben. Die Eltern schenken uns ihr Vertrauen. Das ist etwas Grosses. Und den Pflegefachpersonen, die zwölf Stunden Schichten leisten und manche Kinder eins zu eins, andere sogar mit zwei Betreuungspersonen begleiten», sagt Meike. Ich nicke. Meike arbeitet neben ihrer Aufgabe bei der Kifa im Spital Solothurn. Und während ich ihr zuhöre, wird mir klar: Diese Kinder sind hier nicht einfach gut aufgehoben. Sie sind von Menschen umgeben, die wissen, was sie tun – und die sie kennen. Bezugspflege nennt die Kifa das. Für mich wird an diesem Tag spürbar, was dahintersteckt: Vertrauen. Vertrauen das nicht erklärt werden muss. Menschen, die wissen, wie ein Kind reagiert. Was es braucht. Was es mag. Wann ein Blick etwas bedeutet. Oder eine Handbewegung.
Dann kommt Ava.
Ein zartes, junges Mädchen im Rollstuhl. Ava ist blind, kann Umrisse erkennen. Sie nimmt ihre Umgebung wahr, hört alles – kann sich aber nicht über die Sprache oder Gesten ausdrücken. Ihre Bezugsperson weiss aber: Wenn Ava ihre linke Hand hebt, bedeutet das Ja. Ich lege ganz vorsichtig meine Hand auf ihre. Ava lächelt. Und plötzlich ist die Kommunikation einfach. «Ava, du hast wunderschöne, silber-funkelnde Nägeli», sage ich. Nagelstudio gibt es nämlich auch im Ferienlager. Natürlich. Ihre Pflegefachperson Monika erzählt mir, dass Ava eine eineiige Zwillingsschwester hat. Gesund, ein Wirbelwind. Zwei Leben, die so nah beieinander begonnen haben und doch so unterschiedlich verlaufen. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Wir machen ein Foto. Und ich werde für einen Moment ganz still. Wie selbstverständlich ich spreche. Laufe. Zeige. Entscheide. Wie selbstverständlich ich mit anderen Menschen kommuniziere. Und wie wenig ich darüber nachdenke. Es ist nicht selbstverständlich. Vielleicht ist das eine der Lektionen dieses Tages: Dass wir vieles erst dann bemerken, wenn es plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.
Mittagessen. Hoch über dem Zugersee im Zentrum Elisabeth
Im Saal ist es laut. Verschiedene Stimmen, Geräusche, Bewegungen. Manche sind mir vertraut, andere neu. Mittendrin Edin. Er wird über eine Sonde ernährt. Immer wieder gehen seine Betreuungsperson Martina und die Praktikantin Maya mit ihm nach draussen. Ich beobachte ihn. Viel Bewegung sehe ich in seinem Gesicht nicht. Noch nicht. Denn am Nachmittag kommt Dr. Cocobella und sie lockt etwas aus Edin heraus. Dr. Cocobella ist Traumdoktorin bei der Stiftung Theodora. Sie hat eine Smiley-Ukulele dabei und einen grünen Hund namens Bubu. Bubu hört zwar nicht immer ganz so gut auf sie – aber offenbar gehört auch das zum Programm. Was dann passiert, lässt sich schwer erklären. Man muss es sehen. Dr. Cocobella kommt nicht einfach mit einem fertigen Programm. Sie schaut. Wartet. Spürt. Sie nähert sich den Kindern mit Fingerspitzengefühl und Respekt. Sie holt sie dort ab, wo sie gerade sind. Und sie spricht eine Sprache, die alle verstehen. Musik. Seifenblasen. Ein Lachen. Eine Berührung. Ava spürt eine Seifenblase auf ihrem Gesicht – und da ist es wieder: dieses unglaubliche Lächeln. Valentina kann sich vor Freude kaum halten. Beni tanzt mit Dr. Cocobella, was das Zeug hält. Wir singen, tanzen, testen unsere Muskeln, die plötzlich piepsen. Wir zaubern, wir staunen. Und Edin? Auch in seinem Gesicht ist plötzlich etwas zu sehen. Die Freude. An diesem Nachmittag ist alles leicht. Vielleicht sind genau das Ferien.
Ich gehe am Abend mit ziemlich vollem Kopf nach Hause.
Mit Aloniabs «Peace».
Mit Avas Lächeln.
Mit Beni auf der Tanzfläche.
Mit den zwölfstündigen Schichten der Pflegefachpersonen.
Mit Meikes Satz über das Vertrauen der Eltern.
Und mit einer grossen Hochachtung vor Menschen, die sich jeden Tag für Kinder und Familien einsetzen – fachlich hochkompetent und gleichzeitig mit ganz viel Herz. Die Kifa nennt das «mehr als Pflege». Jetzt verstehe ich besser, was damit gemeint ist. Denn diese Woche ist mehr als ein Ferienlager. Sie schenkt Kindern Erlebnisse. Sie schenkt Eltern Zeit. Sie schenkt Geschwistern Aufmerksamkeit. Und sie schenkt Familien etwas, das im Pflegealltag kostbar ist: Entlastung.
Das ist alles möglich, weil Menschen spenden. Menschen, die vielleicht nie erfahren werden, wie sich eine Seifenblase auf Avas Gesicht anfühlt. Die Edins Lächeln nicht sehen. Aloniabs komplizierte Mission nicht kennen. Und trotzdem dafür sorgen, dass diese Momente stattfinden können. Ich habe heute einen kleinen Einblick bekommen. Und vielleicht ist das Schönste, was ich mitnehmen kann, nicht einmal Dankbarkeit. Sondern die Lust, etwas davon weiterzugeben. Mehr hinzuschauen. Weniger für selbstverständlich zu nehmen. Und vielleicht ab und zu ein bisschen mehr «Peace» in den Alltag zu bringen.
Peace to everyone
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